Skip to content
Alexander Heimbuch

Deadman Wonderland

Marlis Heimbuch

Manga – Was ist das und woher kommt es?

Das Wort selbst besteht aus den zwei Kanjis man, was so viel bedeutet wie „unwillkürlich/unfreiwillig korrupt“ und ga was schlicht „Bild“ bedeutet. Geprägt wurde der Begriff 1814 von Hokusai, der diese Art Kunst als whimsical sketches bezeichnete [1]. Wenn man Synonyme aus der westlichen Hemisphäre adäquat verwendet, lässt es sich am ehesten mit dem englischen Cartoon [2] oder dem amerikanischen Comic vergleichen; ist die Thematik hingegen ernst und dramatisch entspricht der Begriff Manga eher der Bezeichnung der Graphic Novel. Es lassen sich noch weitere Differenzierungen aufgliedern, die hier jedoch nicht weiter relevant sein sollen. Weiterhin ist der Manga aus einer langen Tradition und Kunstform heraus entstanden. Bereits in der späten Edo Zeit (1603-1868) gab es stilistische Zeichnungen, die das damalige Leben darstellten. Inhalt dieser Bilder waren meist Samurai und ihre blutigen Kämpfe. Extreme Gewaltdarstellungen waren damals ein gängiges Stilmittel.

Woher kommt der Manga? Japan war in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg besetzt und dadurch mit den Einflüssen der westlichen Welt konfrontiert. Es wurden Comic Stripes importiert (Bsp.: George McManus´s Bringing Up Father) und der Manga selbst war ein Medium für Propaganda. Aus diesen Einflussfaktoren heraus entwickelte sich eine neue Bildkultur. Die Geschichten wurden in Panels aufgeteilt und die Story anhand von Sprechblasen aufgebaut. Die Besonderheiten des Manga liegen in seiner billigen Produktion sowie der Andersartigkeit im Vergleich zu unserem Lesegefühl. Er wird von rechts nach links gelesen, eben genauso wie sich das Schriftbild in Japan verhält [3]. Des Weiteren werden in Japan, nicht wie in Deutschland, Mangaserien in einem Band veröffentlicht, sondern es werden viele Serien (zwischen 20-40 Geschichten) in einem Band zusammengestellt. Erst später wird eine Serie und auch nur dann, wenn sie populär genug ist, in einer gesonderten Edition veröffentlicht. Eine zusätzliche Besonderheit ist die Umsetzung der Story. Amerikanische Comics sind durchweg koloriert, Mangas hingegen sind monochrom und simpler. Der Fokus wird meist auf einzelne Charaktere oder nur das Gesicht gelegt, dabei wird der Hintergrund vernachlässigt. Außerdem wird viel Wert auf Emotionen gelegt, weshalb es oft „Großaufnahmen“ von Gesichtern, Gesichtsteilen oder Augen gibt.

Mangas können je nach inhaltlichem Schwerpunkt auch kategorisiert werden. So gibt es 35 verschiedene inhaltliche Thematiken die ein Manga behandeln kann. Dabei sind mal mehr, mal weniger dieser Kategorien in einem Manga vereint. Deadman Wonderland ist so in die Kategorien: Action, Horror, Drama, Mature, Sci-Fi, Shounen, Supernatural und Tragedy einzuordnen. Anhand dieser Kategorien lässt sich auch grob die Leserschaft, an die sich der Manga richtet erkennen. Action, Drama, Horror und Tragedy geben Auskunft über die inhaltliche Ausrichtung. Der Manga wird ergo Gewalt enthalten und dabei keine Slapstick-Elemente verwenden, sondern dunkle Darstellungen die auch Blut beinhalten. Tragedy und Mature weisen darauf hin, dass das Publikum nicht Kinder, sondern mindestens junge Erwachsene, eher aber die Generation 16+ gemeint ist. Shounen sagt uns, dass die Zielgruppe, welche sich angesprochen fühlt im Bereich männliche Jugendliche liegen wird, aufgrund der Actionlastigkeit der Sequenzen und dem Protagonisten, der ebenfalls männlich ist. Supernatural und Sci-Fi geben uns über die Art der Welt und die darin herrschenden Gesetzmäßigkeiten Auskunft. Supernatural bedeutet, dass physikalische Richtigkeit hier keine Gültigkeit besitzt, sondern Charaktere übernatürliche Fähigkeiten besitzen wie es z.B. bei dem US_Comic Superman von Marvel der Fall ist. Sci-Fi meint das, was es im Bereich Buch und Film auch meint, nämlich das wissenschaftliche Gegebenheiten in Gedankenexperimenten weitergesponnen werden und die Handlung dadurch meist in eine Zukunft verlagern die entweder höher Entwickelt ist als wir jetzt oder anders geartet ist in ihren gesellschaftlichen Strukturen.

Inhalt, Volumes und Verlag

2023: Es wird erzählt, dass vor 10 Jahren ein starkes Erdbeben Tokyo erschütterte und zu 70% zerstört hat. Nach dem Wiederaufbau ist wieder eine gewisse Normalität eingekehrt. Die Charaktere gehen zur Schule und auch Kleidung und andere Sachen scheinen denen der Gegenwart zu entsprechen. Allerdings gibt es einen höheren Grad an Technisierung und auch eine andere Art von Technologie (z.B. Handybildschirme die ihre Displays in die Luft projizieren). Des Weiteren erfährt der Leser kurz, dass es eine Art Vergnügungspark gibt, das Deadman Wonderland, das erste privatisierte Gefängnis in Japan. Was die Menschen nicht wissen ist, dass die Todeskandidaten, welche dorthin geschickt werden, tatsächlich um Leben und Tod „spielen“. Die Hauptperson des Mangas ist Ganta Igarashi. Er ist 16 Jahre. An einem gewöhnlich scheinenden Schultag löscht ein unbekannter, der „rote Mann“, Gantas gesamte Mitschüler auf brutale Art und Weise aus. Nur Ganta bleibt zurück und wird dieser Tat für schuldig bekannt. Die Folge ist, dass er ins Deadman Wonderland geschickt wird. Dort angekommen wird ihm eine Art Halsband umgelegt, welches die Probanden auf Knopfdruck erledigen kann. In den „Spielen“ in denen die Gefangenen um ihr Leben kämpfen gewinnen sie „Cast Points“ mit denen sie sich Bonbons kaufen können, wenn sie diese nicht zu sich nehmen tritt ebenfalls der Tod ein. Wer ein „Spiel“ gewinnt ist von einer Bestrafung befreit, wer dennoch das Ziel erreicht, aber nicht als erster eintrifft, wird willkürlich bestraft. Dazu gibt es ein „Glücksrad“ an dem gedreht wird und dann die Art der Bestrafung bestimmt. Gantas späterer Freund Senji >>Crow<< Kiyomasa verliert bei einer Bestrafung sein linkes Auge. Während seiner Zeit im Deadman Wonderland lernt Ganta verschiedene Menschen kennen, die besondere Fähigkeiten haben. Sie können ihr Blut zu festen Strukturen manifestieren und sie als Waffe gegen ihre Gegner einsetzen. Auch Ganta hat diese Fähigkeit. Er lernt auch ein Albino Mädchen, Shiro, kennen, die ihn zu kennen scheint, die er selbst jedoch erst nicht erkennt. Sie hilft ihm aus brenzligen Situationen und wirkt aber etwas naiv. Im späteren Verlauf stellt sich heraus, dass das Konzept Deadman Wonderland einzig dem Zweck dient dem Wretched Egg einen gebürtigen Gegner zu bieten. Ein Wissenschaftler und Gantas Mutter haben an einem kleinen Mädchen Experimente durchgeführt und sie dadurch zum ersten Menschen gemacht, der sein Blut als Waffe einsetzen kann. Die Grausamkeit dieser Experimente wird in einem gesonderten Kapitel „beschrieben“. Aufgrund der körperlichen und seelischen Schmerzen hat sich Shiros Persönlichkeit gespalten und ein Teil ihres selbst wurde zum Wretched Egg und damit zum „roten Mann“. Shiro hat als Wretched Egg Gantas Klassenkameraden getötet, um ihn ins Deadman Wonderland zu zwingen. Im Gegensatz zur naiven und kindlichen Shiro ist Wretched Egg grausam und kalt. Der Wissenschaftler, der Wretched Egg erschaffen hat, hat sich selbst zu einer Art Frankensteins Monster gemacht, weil er die gleichen Kräfte wie Shiro besitzen wollte, weil er sie gleichzeitig hasst und liebt und den Tod nicht ertragen kann. Er wollte eine Art Gott sein, lebt aber jetzt nur noch von einer degenerativen Hülle bis zur nächsten. Im bisher letzten erschienenen Kapitel ist der Fluchtversuch aus dem Deadman Wonderland für Ganta und seine Freunde quasi geglückt. Das Konzept und die Machenschaften hinter dem Konstrukt wurden aufgedeckt und das Projekt abgeblasen. Offen ist jedoch noch die Frage, was passiert, wenn Ganta erfährt, dass Shiro Wretched Egg ist und ob er es schafft sie wirklich zu töten. Bisher sind 52 Kapitel erschienen, die in 5 Mangabänden beim Verlag Tokyopop veröffentlicht wurden. Band 6 folgt im Frühjahr 2013. Tokyopop ist Inhaber vieler populärer Mangalizensen, darunter auch Death Note,Claymore, Bleach und Grimms Manga. In Prozenten macht Tokyopop 25,3% des Marktanteils aus und ist damit einer der erfolgreichsten Verlage in Deutschland [4].

Bewertung

Deadman Wonderland ist ein actionreicher Manga der seine Altersempfehlung 16+ zu Recht trägt. Die Gewaltdarstellungen sind explizit und sollten vor jüngeren Lesern abgeschirmt werden. Deshalb finde ich es auch richtig und wichtig, dass Mangas mit solchem Inhalt verschweißt geliefert werden und bleiben. Der Manga bietet, abgesehen von seinen Actionszenen dennoch Spielraum für Gedanken bezüglich sozialen Gefügen. Freundschaft, Liebe und Verlust werden im Rahmen einer grausamen Welt eingebettet und gewinnen dadurch nach meiner Ansicht noch mehr an Tragweite. Ähnlich wie in dem erfolgreichen Romanen von Suzanne Collins Die Tribute von Panem, schafft die Atmosphäre den besonderen Kick beim Lesen. Ich finde Deadman Wonderland vom Inhalt und vom künstlerischen Aspekt sehr gut. Er hat sich seinen Platz unter den vielen großen Serien verdient. Bedenklich finde ich ihn von daher nicht, dass er sich an ein älteres Publikum richtet und diese Generation bereits mit anderen und vielleicht sogar schon härteren Dingen konfrontiert wurde. Junge Erwachsene sollten die entsprechende Medienkompetenz besitzen um mit den Gewaltdarstellungen umgehen zu können. Bedenklich wird der Konsum bei psychisch oder sozial labilen Personen. Was weiterhin heraussticht ist die Differenz in Format und Seitenzahl. Im Vergleich zu anderen Geschichten dieses Genres ist der Manga größer und hat doppelt so viele Seiten wie ein herkömmlicher Manga [5]. Daraus resultiert auch der höhere Anschaffungspreis, der jedoch im Rahmen der gebotenen Qualität gerechtfertigt ist.

Quellen

[1]: Vgl. Frederik L. Schodt (1996): Dreamland Japan. Stone Bridge Press. California. S.34

[2]: Cartoons sind eigentlich animiert, dennoch verwende ich den Begriff aufgrund seiner Semantik

[3]: Japanisch kann auch von oben nach unten in Spalten, aber auch von rechts nach links gelesen werden

[4]: Kai-Steffen Schwarz, Nadine Meyer (2010): Sie werden Augen machen: Manga – kaum gesehen, schon gekauft. CARLSEN Verlag. Hamburg

[5]: Standard Format von Tokyopop (18,6cm x 12,6cm); Standard Format von Carlsen (17,4cm x 11,4cm); größeres Sonderformat (z.B. 21,4cm x 14,4cm); Herkömmliche Seitenzahl: 200; Seitenzahl eines Sonderformats: ~400S.



Previous Post
Jin Roh
Next Post
D4RK INSIDE