Jin Roh und die Kerberos Saga

Jin Roh wurde 1999 nach dem Drehbuch von Mamoru Oshii produziert. Allerdings führte nicht Oshii selbst Regie sondern beauftragte Hiroyuki Okiura. Dieser war einer der Hauptanimateure von Akira und arbeitete mit Oshii als Co-Direktor am Anime Patlabor 2. Das Drehbuch Jin Roh ist eines der Werke von Oshii das seine Inspiration aus der Kerberos Saga zieht. Die Kerberos Saga ist das Lebenswerk von Mamoru Oshii der seit 1986/87 eine Manga Serie sowie Hörspiele und Filme produziert, die sich mit einer alternativen Realität befassen. In dieser Realität wird ein möglicher Geschichtsverlauf beschrieben, beginnend im Jahr 1940. Die Deutschen haben die Schlacht um Stalingrad gewonnen, Hitler wurde von Stauffenberg erfolgreich ermordet, was durch weitere Umstände dazu führte das nicht die Alliierten Japan besetzten sondern die Deutschen. Beschrieben wird der Konflikt zwischen den Panzercops und den Anti-Regierung Terroristen. Es ist schon irgendwie komisch warum die Japaner die deutsche Kultur so interessant finden. Inspiration findet Oshii in den Uniformen aus dem zweiten Weltkrieg. Gerade der Kampfanzug der Panzercops erinnert sehr stark an den Helm und Gasmaskenkombination der Wehrmacht.
Filmwelt

Wie gerade eben angesprochen spielt Jin Roh in einer alternativen Realität. Auch hier wurden offenbar Teile von Japan einem Atomschlag ausgesetzt. Durch den Krieg und die schlechte Wirtschaftspolitik der Besatzungsmacht verfiel Japan in eine Wirtschaftskrise. Das hatte wiederum Auswirkungen auf die Soziale Situation der Japaner. Slams bildeten sich und formierten in ihrer Wut gegen die neue Führung eine Anti-Regierungs Bewegung, die mit der Zeit zu der Terroristischen Organisation die “Sekte” heranwuchs. Um die Unruhen zu kontrollieren installierte die Besatzungsmacht die „Großstadtpolizei“. Diese agieren neben der Polizei als Elite Spezialeinheit mit besonderer Kampfausrüstung (Panzercops) und besonderen Befugnissen. Zentral in Jin Roh ist der Konflikt zwischen der “Sekte” der “Großstadtpolizei” und der “Polizei”. Der Anime setzt mehrere Jahre nach der Wirtschaftskrise mit der eigentlichen Handlung an. Die gesellschaftlichen Unruhen sind durch wirtschaftliche Besserung abgeflacht. Nur vereinzelt finden Demonstrationen statt, die von der “Sekte” missbraucht werden um Terroristische Anschläge zu verüben. Durch die veränderte Realität verlieren sowohl die “Sekte” als auch die “Großstadtpolizei” in der Gesellschaft an Relevanz und müssen um ihre Existenz kämpfen. Aus diesem Spannungsverhältnis zieht Jin Roh seinen Inhalt.
Rotkäppchen und der böse Wolf

Die Handlung von Jin Roh baut sich um das Märchen von Rotkäppchen auf. Es ist die zentrale Metapher die im Anime auf mehrere Weisen aufgebaut wird. Allerdings wird nicht die in Mitteleuropa bekannte Fassung der Gebrüder Grimm verwendet sondern die Erzählung von Charles Perrault in einer eigenen Fassung adaptiert. Das Märchen beinhaltet folgende Kernpunkte:
- Rotkäppchen hat seine Mutter 7 Jahre lang nicht gesehen
- Rotkäppchen musste ein Kleid aus Eisen tragen
- Rotkäppchen darf seine Mutter erst wieder sehen wenn das Kleid völlig verschlissen ist
- Rotkäppchen rieb seine Eisenrüstung solange an der Wand bis das Kleid auseinander brach
- Rotkäppchen besorgte sich Milch, Brot ein Stückchen Käse und Butter
- Auf dem langen Weg zu seiner Mutter traf Rotkäppchen im tiefen dunklen Wald auf den Wolf
- Der Wolf fragte was Rotkäppchen in seinem Körbchen hat und wollte etwas davon abhaben
- Rotkäppchen lehnte die Bitte des Wolfes ab weil es sonst zu wenig für ein Geschenk für die Mutter wäre
- Der Wolf fragte das Mädchen welchen Weg es von den beiden wählen würde: den Weg aus Stecknadeln, oder den Weg aus Reißzwecken
- Rotkäppchen wählte den Weg aus Reißzwecken
- Der Wolf eilte auf dem Weg aus Stecknadeln zum Haus der Mutter und fraß diese auf
- Kurz darauf kam auch Rotkäppchen zum Haus der Mutter und wurde vom Wolf hereingebeten
- Das Mädchen zog seine Kleider aus und trat zum Bett der Mutter
- Das Mädchen fragte warum die Mutter so große Ohren, Augen, Hände und Maul hat
- Der Wolf fraß Rotkäppchen
Das Märchen weicht von der Grimm Fassung sehr stark ab. Zum einen gibt es kein gutes Ende für Rotkäppchen und die Mutter zum anderen zeichnet es sich durch äußerste Brutalität aus. Vielleicht findet Mari die Muße die Ergebnisse aus ihrer Rotkäppchen Recherche niederzuschreiben.
Die Terroristin und der Panzercop

Die erste, und auch offensichtlichste, Verwendung der Rotkäppchen Metapher findet bei der Beziehung der Protagonisten Anwendung. Kazuki Fuse ist ein Panzercop der bei einem Einsatz gegen “die Sekte” ansehen muss wie sich ein junges Mädchen (von der “Sekte” Rotkäppchen genannt), bei der Festsetzung mit einer Bombe in die Luft jagt. Nur durch seinen Panzeranzug überlebt er die Explosion unbeschadet. Am Grab des Mädchens trifft er auf ihre mutmaßliche Schwester Kei Amemiya. Zwischen Kazuki und Kei entwickelt sich eine Art Beziehung. Im Laufe des Anime wird ersichtlich das diese Beziehung nur die Spitze des Eisberges ist. In Wahrheit verbirgt sich hinter der Romanze zwischen dem Wolf und der Terroristin ein abgekartetes Machtspiel zwischen der “Polizei” und der “Großstadtpolizei”, dessen Ende durch das deutsche Märchenbuch Rotkäppchen (das Kazuki Fuse schenkt) von Anfang an klar ist. Kei ist ein Rotkäppchen der “Sekte”, die von der Polizei, Geheimabteilung Sicherheit, festgenommen wurde und jetzt dazu gezwungen wird als Doppelagentin (Polizei/Sekte) die “Großstadtpolizei” zu unterlaufen. Sie ist ein Köder der benutzt wird um der “Großstadtpolizei” Nähe zur “Sekte” zu unterstellen. Kazuki ist Teil der Spezialeinheit Kerberos, einer Geheimabteilung der “Großstadtpolizei”, die diesen Köder dazu verwenden um die Geheimabteilung Sicherheit zu liquidieren. Das Spiel nimmt seinen Lauf, die Abteilung Sicherheit wird ausgelöscht, Kei wird am Schluss durch Kazuki liquidiert. Der Wolf im Wolfspelz frisst die Terroristin im Rotkäppchenkostum. Ob Kazuki wirklich moralische Bedenken bei dem Bombenzwischenfall bzw. echte Emotionen für Kei übrig hatte bleibt dem Betrachter überlassen (spielt am Ende aber keine Rolle).
Japan und die Besatzungsmacht

Neben der offensichtlichen Verwendung der Rotkäppchen Metapher gibt das Märchen weiteren Spielraum zur Interpretation. Merkwürdig ist der Detailgrad mit dem das Märchen in Jin Roh beschrieben wird. Die Beziehung zwischen Kazuki und Kei greift dabei eigentlich nur den Schluss auf. Meine Vermutung ist das in dem Anime auch die Japanische Geschichte nach dem zweiten Weltkrieg verarbeitet wird. Obwohl der Anime in einer alternativen Realität spielt so gibt es doch Parallelen zur tatsächlichen Geschichte Japans.

Rotkäppchen muss zu Anfang des Märchens 7 Jahre ein Eisenkleid tragen. Japan war nach dem verlorenen zweiten Weltkrieg von 1945 bis 1952 von den Alliierten besetzt. Folgt man diesem Indiz so nimmt Japan die Rolle des Rotkäppchens ein, die Alliierten die des Wolfes. Nach 1945 verfiel Japan in eine Rezension deren Verluste erst 10 Jahre später wieder ausgeglichen waren. Es war für die Bevölkerung von Japan ein schmerzhafter Weg (über Reißzwecken) durch den „tiefen dunklen Wald“. Auch die Kultur und die Identität der Japaner war in diesen 7 Jahren dem starken westlichen Einfluss der Alliierten ausgesetzt. Die Kultur nimmt hier die Rolle der Mutter ein, die vom Wolf am Ende gefressen wird. Inwieweit auch die Japaner ihre Tradition und Kultur nach dem zweiten Weltkrieg verloren haben kann ich an dieser Stelle nur mutmaßen. Denkt man die Geschichte zu Ende, so wurden den Japanern durch den Verlust ihrer Kultur auch ihre Identität genommen. Der Wolf fraß Rotkäppchen. Diese Kritik wird im Anime auch teilweise bildlich geäußert.
Weiterführende Links
Wikipedia: Besatzungszeit in Japan
Asiastudies: Japans Aufstieg zur Wirtschaftsmacht nach dem Zweiten Weltkrieg