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Alexander Heimbuch

Ghost in the Shell

Alexander Heimbuch

Vorwort

Bei diesem Artikel handelt es sich um eine Hausarbeit die im Sommersemester 2011 im Fach Filmanalyse entstanden ist. Daher ist der folgende Text keine Interpretation des Filmes (wie wir es sonst immer machen), sondern eine wissenschaftliche Bearbeitung meines Lieblingsfilmes GHOST IN THE SHELL.

Einleitung

GHOST IN THE SHELL ist eines der Meisterstücke von Mamoru Oshii und für das Science- Fiction-Genre prägend. Die Verbindung von gewalthaltigen Darstellungen und hochphilosophischen Inhalten ist einzigartig. GHOST IN THE SHELL erweitert existenzphilosophische Ansätze um die zukünftige technische Entwicklung von Gesellschaft und Computer-Netzwerken. Dabei beschäftigt sich Oshii gleichzeitig mit den daraus resultierenden Konsequenzen für das Individuum.

Ausschlaggebend für den Inhalt des Anime ist der gleichnamige Manga, der 1989 in elf Teilen von Masamune Shirow geschaffen wurde. Dieser bestimmt die grundlegenden Inhalte von GHOST IN THE SHELL und ist in Teilen auch als eine Art Storyboard anzusehen. Trotzdem bestehen Varianzen zwischen dem Anime und Manga, die sich durch die Impressionen von Mamuro Oshii erklären lassen. Dieser bezog sich auf den 1985 erschienen Manga Appleseed von Shirow und den 1988 anknüpfend gleichnamigen Anime von Oshii (Drazen 2003). Bereits in diesen Werken werden die grundlegenden Themen Kybernetik, Identität, aber auch Fortpflanzung eines Androiden behandelt. GHOST IN THE SHELL ist damit auch die thematische Fortsetzung, auf die die Vorlage von Shirow projiziert wurde.

Historischer und kultureller Kontext

Gesellschaft Oshii produzierte GHOST IN THE SHELL während der anhaltenden Wirtschaftskrise Japans in den frühen 1990ern. Obwohl der Anime im Jahr 2029 spielt, sind deutliche Impressionen der kapitalwirtschaftlichen Krise zu sehen. Die dargestellte Stadt mit hochtechnisierten Wolkenkratzern, aber auch zerfallenen Flüchtlingssiedlungen ist eine der möglichen Konsequenzen des Kapitalismus. Es ist die visualisierte Konfrontation der industriellen Gesellschaft mit den ethischen und kulturellen Werten. Weiterhin prägend für GHOST IN THE SHELL war die angehende Verbreitung des World Wide Webs Anfang der 1990er. Die vollständige und ganzzeitliche Vernetzung der Menschen ist Ausdruck der Euphorie der Autoren und bildet die Basis, auf der sich die, in GHOST IN THE SHELL dargestellte, Gesellschaft stützt. Allerdings werden gleichzeitig die negativen Seiten der Informationsgesellschaft aufgezeigt: der Verlust der Kontrolle über die eigenen Existenz, aber auch menschliche Urängste greift Oshii in seinem Werk auf. Die Sehnsucht nach Unsterblichkeit, verbunden mit dem Glauben an die Technik, bildet das dritte Grundthema von GHOST IN THE SHELL. Durch die Kybernetisierung des menschlichen Körpers sollen die natürlichen angeborenen Schwächen kompensiert werden. Nur noch Teile des Gehirns und der Ghost können nicht ersetzt werden und bilden damit den Rest der Individualität des Menschen. Auch hier werden die Schattenseiten der Technisierung problematisiert: mit der Ersetzung des menschlichen Körpers werden auch die Merkmale vernichtet, die zur Abgrenzung gegenüber anderen Existenzen (wie bspw. Maschinen) notwendig sind.

Neben den historischen Einflüssen auf GHOST IN THE SHELL spielt bei der Produktion der kulturelle Kontext (der 1990er Jahre) eine wichtige Rolle. Besonders Elemente der damals vorherrschenden Pop-Kultur, Strömungen des Cyberpunks bzw. des tech-noir, hatten einen Einfluss auf die Entstehung des Anime (Lichtenfeld 2010). Ausgelöst durch die rapide Technisierung entstand ein spürbarer Bruch zwischen den Gesellschaftsschichten. Während die höhergestellte Schicht den Trend der Digitalisierung mit verfolgen konnte, versuchten die unteren Gesellschaftsschichten etablierte Konzepte ihres Lebens in die “neue” Welt zu übertragen. Artefakte dieses Konfliktes lassen sich auch in GHOST IN THE SHELL auffinden. So werden trotz vollständiger Digitalisierung der Menschheit Ein- und Ausgaben analog durchgeführt.Aus der angeführten Erläuterung lassen sich Thematiken identifizieren, die in GHOST IN THE SHELL aufgegriffen werden. Die vorliegende Filmanalyse wird sich mit dem prägnantesten Aspekt beschäftigen: dem Identitätskonflikt der Hauptdarstellerin Motoko Kusanagi. Dazu wird zunächst der formale Aufbau untersucht, um die relevanten Sequenzen für die Fragestellung zu identifizieren. Im Anschluss werden die wichtigen Sequenzen analysiert und interpretiert. Anschließend wird der Einfluss von GHOST IN THE SHELL auf die damaligen Filme beleuchtet. Zuletzt werden die Ergebnisse zusammengefasst und bewertet.

Inhaltliche Struktur und formaler Aufbau

Cyborg GHOST IN THE SHELL spielt 2029 im zukünftigen Japan. Chief Aramaki, der Leiter des Sondereinsatzkommandos Sektion 9, befehligt ein vierköpfiges Team, welches für äußere Angelegenheiten zuständig ist. Die vier Mitglieder von Sektion 9 sind vollständig (Motoko Kusanagi [Major] und Batou) bzw. teilweise (Ishikawa und Togusa) kybernetisiert. Bei Major Kusanagi und Batou beinhalten nur noch die Shells (Aufbewahrungsort des Gehirns) organisches Material. Zu Beginn des Anime wird der Zuschauer textuell auf das Szenario eingestimmt (Sequ. 1), bevor direkt der erste Einsatz der Sektion 9 (Sequ. 2) gezeigt wird. In dieser Sequenz werden alle taktischen Schritte, technischen Hilfsmittel sowie die angewendete Gewalt bei der Durchführung gezeigt. Das eigentliche Intro des Anime wird erst in Sequenz 3 dargestellt. Der Major träumt von der Schöpfung ihres Cyberkörpers. Dazwischen wird der eigentliche Vorspann des Filmes eingearbeitet, welcher mit dem Aufwachen von Motoko (Sequ. 4) endet.

Major Kusanagi und Chief Aramaki

Währenddessen erhält Chief Aramaki neue Befehle vom Außenminister (Sequ. 5). Dieser dankt für den reibungslosen ersten Einsatz und teilt ihm mit, dass es bei einer internationalen Konferenz zu Komplikationen gekommen ist. Das Cyberbrain der Sekretärin des Außenministers wurde von einem Hacker angegriffen. Gleich in der nächsten Einstellung ist die Analyse des demontierten Körpers mit geöffneter Hirnschale der Sekretärin zu sehen (Sequ. 6). Diese gibt Aufschlüsse über die Quelle des Angriffes. Daraufhin bereitet sich Sektion 9 auf ein direktes Eingreifen vor (Sequ. 7). Als Ursprung des Hacks stellt sich ein Müllmann heraus, der unwissentlich, beim Versuch seine Exfrau auszuspionieren, das Gehirn der Sekretärin von den umliegenden Telefonzellen aus attackiert hat (Sequ. 8). Als der Müllmann entdeckt, dass er verfolgt wird, versucht er, den eigentlichen Initiator zu warnen (Sequ. 8). Der Hacker beginnt die Flucht durch die Ghettos der Stadt, bevor er vom Major gestoppt wird (Sequ. 9). Bei dem Verhör des Hackers und des Müllmannes stellt sich heraus, dass beide auf Basis von simulierten Erinnerungen gehandelt haben, die ihnen von einer fremden Instanz eingepflanzt wurden (Sequ. 10 & 11). Die simulierten Erinnerungen geben dem Major Anlass zur Selbstreflektion. Beim Tauchen im Meer und späteren Gespräch mit Batou stellt sich Motoko Fragen hinsichtlich ihrer Identität (Sequ. 12). Weitergeführt werden diese Gedanken durch Impressionen von Stadt und Technik in der anschließenden Sequenz 13.

Puppet Master Wieder zurück im Hauptquartier der Sektion 9 sieht sich der Major mit einem kybernetischen Frauenkörper konfrontiert, der angefahren wurde (Sequ. 14). Die Techniker von Sektion 9 entdecken in der Shell des Körpers einen künstlichen Ghost, welcher Diskussionen innerhalb des Teams auslöst (Sequ. 15). Unterdessen tritt Sektion 6 auf den Plan, um Anspruch auf den kybernetischen Frauenkörper zu erheben. Während Aramaki und Nakamura (Sektion 6) die Modalitäten der Übergabe aushandeln, analysiert der mit angereiste Dr. Willis den Körper. Dieser stellt fest, dass sich darin ein Hacker namens Puppet Master befindet (Sequ. 16). Allerdings ist der Puppet Master keine menschliche, sondern eine rein künstliche Existenz, die nach eigener Aussage den Weg zu Sektion 9 aus freien Stücken gewählt hat und um Asyl bittet. Nach dem Widerspruch von Nakamura und Dr. Willis wird der Körper des Puppet Masters von einem Spezialkommando der Sektion 6 entführt (Sequ. 17). Sektion 9 nimmt nach Befehlen von Chief Aramaki die Verfolgung auf, während Nakamura und Dr. Willis das Hauptquartier verlassen (Sequ. 18). Aus einem Gespräch zwischen Willis und Nakamura wird klar, dass das Programm namens Puppet Master ein internes Forschungsprojekt von Sektion 6 zur Beeinflussung der internationalen politischen Strukturen ist (Sequ. 19). Gleichzeitig versuchen der Major und Batou, dem Spezialkommando, welches den Puppet Master entführt hat, zu folgen (Sequ. 18 & 19). Lediglich Motoko hat bei der Verfolgung Erfolg und kann das Fluchtfahrzeug, in welchem sich der Puppet Master befindet, in einer verlassenen Halle stellen. Dieses wird jedoch von einem Panzer geschützt. Es kommt zum Kampf, bei dem der Major schwer beschädigt wird und nur durch das Eingreifen von Batou gerettet werden kann (Sequ. 20). Auf Bitten von Motoko hin verbindet Batou sie mit dem Puppet Master. Nach einem Gespräch zwischen beiden wird die Motivation des Puppet Masters klar: Er ist zu Sektion 9 gekommen, um sich mit Motoko zu vereinigen. Das letzte Unterscheidungsmerkmal zwischen menschlicher und künstlicher Existenz ist nach seiner Auffassung die Reproduktionsfähigkeit. Diese soll durch die Fusion infolgedessen stattfinden. Kurz danach werden der Puppet Master sowie der Körper des Majors durch Helikopter der Sektion 6 zerstört. Nur Batous Arm rettet den Major vor dem Exitus (Sequ. 21). In der darauf folgenden Einstellung sieht der Zuschauer einen kybernetischen Kinderkörper, der an medizinische Geräte angeschlossen ist. Da der Körper von Motoko vollständig zerstört wurde, war Batou gezwungen, auf dem Schwarzmarkt einen Ersatz zu organisieren. Nach der Reanimation von Motoko stellt Batou die Frage mit was für einem Wesen er es nach der Fusion nun zu tun hat. Die Antwort des Majors lässt Spielraum für Interpretation. Sicher ist nur, dass es weder der Major noch der Puppet Master ist. In der letzten Einstellung bricht das erschaffene Wesen auf in die Weiten des Netzes, symbolisiert durch das Panorama der Stadt (Sequ. 22).

Sequenzprotokoll

00:00 - 02:55 - Der Erste Einsatz

02:55 - 08:03 - Schöpfung

08:03 - 26:40 - Der Hacker

26:40 - 34:50 - Die Gesellschaft

34:50 - 63:40 - Der Puppet Master

63:40 - 74:47 - Fusion und Wiedergeburt

74:47 - Ende - Abspann

Wie das Sequenzprotokoll zeigt, lässt sich GHOST IN THE SHELL formal in sieben große Sequenzen aufteilen. Auffällig ist, dass jede Sequenz, in der ein Einsatz verbunden mit Gewalt gezeigt wird, durch eine philosophische abgelöst wird. Werden die Sequenzen „Der Hacker“ und „Der Puppet Master“ ausgeblendet, so werden in den drei mittleren Sequenzen „Schöpfung“, „Die Gesellschaft“ und „Fusion und Wiedergeburt“ die zentralen Themen des Lebens aufgegriffen. Genau diese, insbesondere die Identitätsfrage des Majors, soll diese Filmanalyse zum Inhalt haben. Dazu werden in den folgenden Kapiteln die Sequenzen 11, 12, 13, 15, 17, 21 und 22 unter der folgenden Fragestellung untersucht:

Mit welchen filmischen Elementen wird die Identitätsentwicklung der Hauptdarstellerin Motoko Kusanagi im Film GHOST IN THE SHELL dargestellt?

Die Frage der Existenz

Bevor konkrete filmische Elemente, die die Identitätsentwicklung des Majors symbolisieren, identifiziert werden können, ist es zunächst notwendig, die Definition von Persönlichkeit, wie sie in GHOST IN THE SHELL angestrebt wird, abzuleiten. Dazu sind die Gespräche in den Sequenzen 11, 12 und 21 heranzuziehen, da sie Aussagen zum Existenzialismus beinhalten.

Die menschliche Existenz ist ein komplexes Konstrukt. Mamoru Oshii versucht seine Interpretation von Existenz durch philosophische Gespräche oder Monologe auszudrücken. Dabei bezieht er in seine Definition von Existenz auch die technische Entwicklung mit ein und begrenzt seine Erläuterungen nicht nur auf das reine menschliche Seien. Der Existenzbegriff von GHOST IN THE SHELL spricht die Endlichkeit des Lebens, die Weiterentwicklung des Individuums und den Einfluss der Realität an. Das Bewusstsein über die Endlichkeit des Lebens bildet in Oshiis Werk die Basis für Emotionen, welche wiederum die Existenz beeinflussen. Angedeutet wird dies in Sequenz 11, als der Major im Meer taucht. Erst durch die Konfrontation mit dem Tod (der Tiefe des Meeres) kann Motoko Emotionen, wie Hoffnung, empfinden. Ein weiteres Fragment der Existenz wird durch die Entwicklung des Individuums definiert. Die Existenz ist kein statisches Gebilde, sondern unterliegt ständiger Veränderung. Damit ist in GHOST IN THE SHELL weniger die körperliche Entwicklung und Veränderung (bspw. das Altern) gemeint, sondern die Weiterentwicklung des Verstandes. Auch die Fortpflanzung wird in Sequenz 21 als ein Teil dieses Prozesses angesehen. Zudem hat die Realität einen Einfluss auf die Existenz. Das Erlebte (Geschichte) und die daraus resultierende Erfahrung jedes einzelnen Menschen bestimmen dessen Persönlichkeit. In GHOST IN THE SHELL wird die direkt erfahrbare Realität um die simulierte digitale Realität, bestehend aus Netzwerken und Informationswelten, erweitert (Sequ. 11). Beide Wirklichkeiten existieren parallel zueinander.

Diese drei Elemente prägen die Existenz und sorgen in ihrer unterschiedlichen Ausprägung für die Einzigartigkeit des Individuums. Genau diese Individualität ist es, an der die Hauptdarstellerin Motoko Kusanagi zweifelt. In einem reproduzierbaren Körper ist es nur noch der Verstand, der zwischen echter und simulierter Persönlichkeit unterscheidet. Trotzdem schafft es der Major im Laufe des Anime eine eigene Persönlichkeit und auch ein Bewusstsein zu entwickeln. Im Folgenden sollen filmische Elemente aufgezeigt werden die diesen Prozess verdeutlichen.

Sterblichkeit

Sterblichkeit Einer der Vorteile, die ein Cyberkörper seinem Besitzer bietet, ist die praktische Unverwundbarkeit. Kybernetische Prothesen können zwar durch Fremdeinwirkung zerstört, aber auch eben so leicht ersetzt werden. Die Verletzlichkeit und die Sterblichkeit rücken in den Hintergrund. Im Kontrast dazu stellt Oshii die Zerstörung von Cyberkörpern detailliert dar. Bei Kampfszenen in den Sequenzen 2, 9, 19 und 20 werden Verletzungen und Tötungen detailliert in Großaufnahmen dargestellt. Diese Visualisierung gipfelt in der Selbstzerstörung des Majors in Sequenz 20, beim Versuch die Luke eines Panzers zu öffnen. Dabei reißen buchstäblich ihren Extremitäten von ihren Körper ab. Fraglich ist, ob diese überspitzte Darstellung der Gewalt ein einfaches Stilmittel ist um den Anime für bestimmte Interessengruppen interessant zu gestalten oder ob die Visualisierung einen tieferen Sinn erfüllt. Die Interpretation wäre in diesem Zusammenhang folgendermaßen: der Körper ist trotz Kybernetisierung immer noch zerbrechlich, nur die Relation zum Tod verändert sich. Hier kann als Beispiel nochmals Sequenz 20 angebracht werden. Motoko verliert im Verlauf des Anime die Beziehung zu ihrem Körper. Hier ist eine gegenläufige Entwicklung zu beobachten. Während bei einem normalen Menschen der Körper altert, er als Kind geboren wird und als Greis stirbt, verhält es sich beim Major gegensätzlich. Stellt man den Verlauf des Anime im Verhältnis zum Leben, wird deutlich, dass die „Geburt“ des ausgewachsenen kybernetischen Körpers in Sequenz 3, der Exitus des unveränderten Korpus in Sequenz 21 und die Wiedergeburt des Majors in kindlicher Gestalt in Sequenz 22 konträr zum menschlichen Leben verlaufen.

Realität

Ein weiteres Thema, welches in GHOST IN THE SHELL aufgegriffen wird, ist der Konflikt zwischen der alten realen (menschlichen) und der neuen (technischen) simulierten Realität. Motoko ist eine Grenzgängerin, da sie sowohl der sterilen virtuellen als auch der Reizüberladenen realen Umwelt ausgesetzt ist. In Sequenz 13 wird Letzteres sehr eindrucksvoll durch eine fast dreiminütige Impression der Stadt dargestellt. Oshii inszeniert eine Kamerafahrt durch die Ghettos der Stadt hinter einer Fähre, auf der sich der Major befindet. Im Hintergrund sind Ausschnitte der Skyline zu sehen. Abwechselnd werden Impressionen aus der Sicht des Majors mit eingeschnitten. Begleitet wird die Szene mit klassischem japanischen Volksgesang. Die gesamte Sequenz verdeutlicht, dass der Identitätskonflikt nicht nur im Major selbst stattfindet, sondern dass auch die Gesellschaft diesen projiziert. Er symbolisiert die Verdrängung der alten Generation durch neue und hochtechnisierte Strukturen. Diese Kritik wird durch die Handlungen des Majors in der letzten Szene unterstrichen, in der sie sich entscheidet, ihre körperliche Existenz aufzugeben und gänzlich in die Virtualität einzutauchen.

Reproduktion und Wiedergeburt

Tree of Life Untypisch für Anime, die den Massenmarkt adressieren, ist die Darstellung von äußerlichen Geschlechtsmerkmalen. Dies resultiert insbesondere aus dem Verhältnis der Japaner zur öffentlichen Zurschaustellung von Intimitäten. In GHOST IN THE SHELL sind die weiblichen Brüste der kybernetischen Körper vom Major sowie vom Puppet Master dargestellt. Der Intimbereich wird nicht detailliert visualisiert. Der Grund dafür könnte sein, dass Menschen mit Cyberkörpern nicht in der Lage, sind sich zu reproduzieren. Die Makellosigkeit der künstlichen Körper wird von Oshii durch Halbtotale aus der Froschperspektive dargestellt. Dadurch wird das vom Menschen Erschaffene gegenüber der Natur als höherwertig präsentiert, trotz der Schwächen, die aus der dabei entstehenden Spezialisierung resultieren. Die Technik wird mit der künstlichen Schöpfung über die Natur gestellt, mit einem fatalen Defizit: Auf natürlichem Weg ist eine Fortpflanzung nicht mehr möglich. Die Redundanz dieser Organe lässt sich wieder zweifach interpretieren. Zum einen dient es der Ästhetik des Anime, zum anderen wird aber auch auf die Problematik der Fortpflanzung hingewiesen. In Sequenz 21 erklärt der Puppet Master, dass die Reproduktion ein wichtiger Teil der Weiterentwicklung ist. Durch die Fusion mit dem Puppet Master in Sequenz 21 ist es Motoko möglich, sich weiterzuentwickeln. Das Resultat der Vereinigung ist die Wiedergeburt des Majors. Hier greift Oshii ein Konzept des buddhistischen Glaubens auf: die Reinkarnation. Dabei entsteht eine gänzlich neue, nicht menschliche, Existenz, die in GHOST IN THE SHELL die Reinheit des Kindes als Symbol hat.

Die Spiegelmetapher

Eines der elementarsten Gestaltungselemente in GHOST IN THE SHELL ist die Spiegelmetapher. Sie tritt in Sequenz 11, 12 sowie in 21 auf und beschreibt die geistige Weiterentwicklung des Majors. Aus den Dialogen in den Sequenzen 12 und 21 lässt sich ableiten, dass Mamoru Oshii sich auf ein Zitat aus den ersten Brief des Paulus an die Korinther bezieht:

„Als ich ein Kind war, waren meine Gedanken und Gefühle die eines Kindes. Jetzt bin ich erwachsen geworden und kindliche Weisen sind mir fern. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“

In Sequenz 11 zweifelt Motoko noch an ihren Erinnerungen und an ihrer Persönlichkeit. Sie stellt ihre eigene menschliche Existenz in Frage. Im Spiegel ist deutlich ihr „dunkles Abbild“ zu erkennen. Direkt in der darauffolgenden Sequenz 12 wird ihr bewusst, was ihre Existenz definiert. Es ist nicht ihr Cyberkörper oder ihre Stimme, sondern ihr Verstand, der ihre Existenz ausmacht. Visualisiert wird dies von Oshii durch den farblichen Verlauf der Spiegelung im Meer. Sie taucht aus ihrem „dunkelen Abbild“ auf und fängt an „stückweise zu erkennen“. In der vorletzten Sequenz 21 vollendet der Major den Erkenntnisprozess. Sie erkennt „von Angesicht zu Angesicht“, dass auch ein künstliches Geschöpf eine Persönlichkeit haben kann und auch einzigartig ist. Sie versucht, nicht mehr ihre Individualität mit den Resten ihrer Menschlichkeit zu definieren, sondern bildet eine neue Persönlichkeit aus.

Tree of Life

Zeitgenössische Rezeption und Einfluss

GHOST IN THE SHELL hatte einen maßgeblichen Einfluss auf das damalige Action-Genre. In Rezensionen von 1997 wird besonders die hohe Qualität der visuellen Umsetzung herausgestellt (vgl. Nihonreview 1997). Hier setzte Oshii mit seinem Werk einen neuen Maßstab für alle folgenden Anime des Genres. Kritik wurde hingegen zum Plot von GHOST IN THE SHELL geäußert. Insbesondere die Geschichte um den Puppet Master wurde als inkonsistent beurteilt. Die philosophischen Elemente hingegen boten Platz für Interpretationen, die bis heute kontroverse Diskussionen auslösen. Auch wirtschaftlich war GHOST IN THE SHELL ein Erfolg und veranlasste die Produzenten, zwei weitere Filme sowie zwei TV-Serien zu produzieren. Diese beschäftigen sich mit weiteren Einsätzen der Sektion 9. DreamWorks sicherte sich zudem 2008 die Rechte für eine Realverfilmung. GHOST IN THE SHELL hatte einen enormen Einfluss auf die Vorstellungen über die Zukunft von Computer-Netzwerken. Diese wird bspw. in der Anime Serie Serial Experiments Lain von 1997 aufgegriffen und in einer näheren Zukunft weiterentwickelt. Besonders die von Oshii dargestellten Probleme, die sich mit der Technisierung ergeben, lieferten die Inspiration für große Produktionen. So griffen die Wachowski-Brüder in ihrem ersten Matrix Film von 1999 den Realitätskonflikt des Majors auf. Auch James Cameron thematisierte das Identitätsdilemma künstlicher Existenzen in seinem Film I, Robot 2004. Damit prägte GHOST IN THE SHELL besonders in den Jahren von 1995 bis 1999 die filmische Kultur im Bereich des Science-Fiction-Genres, der Einfluss reicht allerdings auch bis in die heutige Zeit.

Der Türöffner

Mamuro Oshii schuf mit GHOST IN THE SHELL einen Klassiker des Anime. Kreiert im Kontext der wirtschaftlichen Krise Japans, der Entstehung von globalen Computer- Netzwerken sowie den existenzialistischen Grundgedanken der Menschen adaptierte Oshii den Manga von Masamune Shirow. Entstanden ist ein einzigartiger philosophisch geprägter Anime, der eine Vielzahl von kulturell geprägten Symboliken aufgreift. Besonders im Kontext der Identitätsentwicklung der Hauptdarstellerin Motoko Kusanagi lassen sich vier filmische Elemente identifizieren: Sterblichkeit, Realität, Reproduktion/Wiedergeburt sowie die Spiegelmetapher. Die Sterblichkeit wird durch überspitzte Gewaltdarstellung sowie durch die gegenläufige Entwicklung des Majors dargestellt. Die Realität wird durch impressionistische Elemente visualisiert, in denen der Konflikt zwischen menschlicher Realität und Virtualität aufgezeigt wird. Zur Darstellung der Reproduktion und Wiedergeburt werden die technischen Errungenschaften des Menschen im Gegensatz zur Natur als überhöht dargestellt. Zusätzlich verwendet Oshii Konzepte des buddhistischen Glaubens, um die Überlegenheit der künstlichen Existenz zu verdeutlichen. Zuletzt wurde mit der Spiegelmetapher eine christliche Symbolik identifiziert, die die Entwicklung der Hauptdarstellerin über den gesamten Film begleitet. Oshii verwendet kulturelle und religiöse Themen und stellt diese in einen neuen Kontext. Dabei entsteht ein breitbandiger Science-Fiction-Anime, dessen actionhaltige Elemente den Rahmen für philosophischen Tiefgang bilden.

GHOST IN THE SHELL setzte weiterhin Maßstäbe in der Produktion des Anime. Durch den Einsatz der digitalen Nachbearbeitung etablierte Oshii einen neuen Standard, der sich positiv auf die Qualität auswirkte. Gleichzeitig traf die angesprochene Thematik den Zeitgeist. Dieser Kombination ist es zu verdanken, dass GHOST IN THE SHELL als geistige Mutter für Realverfilmungen diente und somit das Genre der Science-Fiction nachhaltig prägte. Weiterhin ist das Werk von Oshii einer der ersten Anime, der außerhalb von Japan an ein Massenpublikum adressiert werden konnte. Somit wird GHOST IN THE SHELL zu Recht als „Türöffner“ des Anime in der westlichen Welt bezeichnet (Kothenschulte 2008).

Literaturverzeichnis



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